Nur ein Gedanke

Geschrieben von Werner Seiche am 14. Oktober 2015 17:06:14:

Liebe Orchideenfreunde,

der Thread Bestäuber-Spezifität und Hennecke & Munzinger - Herbert Weyland 20.09.2015 15:29 ff. zusammen mit der orchideenmäßig sauren Wintergurken Zeit haben mich zu einigen Spekulationen verführt:

Linnés 'Systema Naturae' ist jetzt 320 Jahre alt, und seine binäre Nomenklatur hat bis heute zahllose Berichtigungen und Erweiterungen erfahren. Sie ist vom Prinzip her aber konstant geblieben, weil sie sich bis vor wenigen Jahrzehnten bewährt hat. und ihr Ordnungsprinzip bis in die Genetik Geltung hatte.

In der Molekularbiologie ist nun aber Idee des Genzentrismus einem systembiologischen Ansatz gewichen; Richard Dawkins hat das bereits, wenn auch noch etwas genbezogen, sehr schön in The Extended Phenotype (1982) beschrieben und als Beispiel aus der Makrobiologie sehr anschaulich das Bild des Biber/Biberstausee-Systems gezeigt.
Ein Beispiel des neuen Denkens gibt auch Prof. Paulus‘ Idee: Kenne eine Pflanzengruppe, hier z.B. aus der Gattung Ophrys, nur eine Art von Bestäubern, so wäre das als artspezifisches Merkmal zu sehen, und zwar sogar als Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen sonst gleichartigen Pflanzen der Gruppe, die lediglich auch anders bestäubt werden könnten.
Die Abgrenzung eines Organismus‘ gegen seine Umwelt und anderen Organismen ist damit logischerweise undeutlich geworden.

Was bedeutet das für uns Orchideenfreunde? Zunächst heißt, dem Nebel der neuen Undeutlichkeit Rechnung zu tragen. Viele werden deshalb wohl zunächst versuchen, nach Linnéscher Art noch genauer hinzusehen um immer mehr Unterschiede, nun auch extrinsische (Umwelt-?)-Merkmale zu entdecken. Es müßte dann aber gerechterweise diese Herangehensweise sich auf alle(!) weiteren extrinsischen Merkmale ausdehnen, die mitunter im Feld nicht oder nicht immer beobachtbar oder von immaterieller Natur (z.B. Blütezeit) sind.

Dabei wird man schnell feststellen, daß nicht allen Pflanzen einer traditionellen Art diese neu entdeckten Merkmale zuzuordnen sind und flux neue Arten kreieren.
Das führt dann zu der wohl von uns allen mit Unbehagen betrachteten Inflation der Anzahl Arten und zum Verlust der Übersichtlichkeit, die Linné anstrebte; m.E. wäre, das so, als sähe man damit nicht nur den Wald vor lauter Bäumen nicht, sondern auch den Baum nicht vor lauter Blättern. Ein Problem hätte auch die Verwaltung von Taxa und ihrer Namen: Typusexemplare wären dann ja unvollständig, weil nicht von gleichartigen, aber anders bestäubten Exemplaren zu unterscheiden. Genügte da ein Hinweis in der Diagnose?

Ich sehe voraus, daß praktisch zwei Taxonomien entstehen werden, eine erweiterte für Fachwissenschaftler als Labor- und Kongresssprache und eine für Exkursionsfloren und Feldführer zur Artbestimmung vor Ort. Für letztere könnte ich mir durchaus ein System nach der Idee von Henneke&Munzinger vorstellen, das nur intrinsische und ad hoc beobachtbare Merkmale zuläßt.
Die Aufspaltung in zwei Taxonomien ist freilich sehr unbefriedigend. Aber vielleicht tritt ja bald ein neuer Linnæus auf!

Wie gesagt, nur ein Gedanke zur Winterzeit



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