Re: Bestäuber-Spezifität und Hennecke & Munzinger

Geschrieben von Uwe Grabner am 27. September 2015 20:53:31:

Als Antwort auf: Bestäuber-Spezifität und Hennecke & Munzinger geschrieben von Herbert Weyland am 20. September 2015 15:29:02:

Hallo Herr Weyland,
Sie haben da eine sehr interessante Diskussion angestoßen.
Vorab - Ihre Kritik an Herrn Hennecke und Munzinger finde ich ziemlich harsch.
Helmut, Du hast recht, es sind auch viele Fehlbestimmungen dabei, was die Artikel schon einmal mit einem nicht zu verachtenden Makel versieht.
Offen gestanden finde ich es aber nicht schlecht, dass es einen veröffentlichten (!) Gegenpol zur "absoluten Bestäuber-Theorie" gibt.
Es entsteht somit ein gewisser Konkurrenzdruck und die jeweiligen Theorien gehören halt etwas besser und handfester bewiesen.
Wir sprechen hier ja beinah über eine Art Religionsfrage und jeder, der seine Meinung kund tut, wird einem Lager zugewiesen.
Natürlich sind beide Herren(H.& M.) von ihrer Theorie fest überzeugt, entsprechend fällt die Formulierung gegenüber dem anderen Lager aus, was ich keineswegs als zynisch oder böswillig empfand, sondern lediglich als vollkommen überzeugt von der eigenen Sichtweise. Das finde ich auch nicht immer nett, aber akzeptabel.
Ich meine, die Gattung Ophrys lässt sich nicht allein auf seine Bestäuber reduzieren. Ich denke, da sind wir uns einig. Es gibt sicherlich Taxa, wo es absolut spezifische Bestäuber gibt - beispielsweise Ophrys insectifera.
In Sachen Autogamie hat Ophrys apifera unumstritten die bekannte Hoheit. Aber die alleinige? Autogamie ist auch bei vielerlei weiteren Ophrys-Arten zu beobachten. Selten zwar, aber wie oft beobachtet man einen passenden (!) Bestäuber bei der Arbeit? Ist auch nicht so oft - nicht wahr?
Und dann gibt es noch diverse Käfer, die dann als "Nebenbestäuber" und somit als nebensächlich eingestuft werden. Wie hoch die tatsächliche Bestäubungsrate der "Nebenbestäuber" im Vergleich zum "Hauptbestäuber" aber ist, fließt in die "Spezifische Bestäuber -Theorie" kaum ein.

Ophrys insectifera ist im bisherigen Kenntnisstand angenehm einfach. Schaut man zu holoserica-Sippen, sieht die Sache der spezifischen Bestäuber schon wesentlich komplizierter aus. Es ist ein Wettlauf der Beobachtungen mit zum Teil folgenden Neubeschreibungen. Wenn man aber ganz ehrlich ist, überzeugen die Neubeschreibungen und -Entdeckungen aufgrund alleiniger Bestäuberbeobachtungen nicht immer zu 100 Prozent. Ich bin beispielsweise von den istrischen Ophrys parvimaculata nicht wirklich überzeugt, da die Exemplare vom Gargano meines Erachtens morphologisch differieren. Das beobachtete Bienemännchen auf beiden Sippen war identisch, was sofort zu einer identischen Art führt. Hier habe ich auch ein Problem in Anbetracht der morphologischen Differenzen und der Verbreitungslücke. Trotzdem halte ich Ihre Entdeckung als hochinteressant - aber halt als parvimaculata (für mich) nicht überzeugend.
Aber sehen Sie, Herr Weyland, das macht es doch spannend!
Es sind in den Artikeln von Hennecke und Munzinger manche Themen vielleicht etwas populistisch behandelt, sprechen aber manchem sicher aus der Seele. Wenn aber die veröffentlichten, offenkundigen Fehlbstimmungen auch auf den angebotenen Reisen als solche "verkauft" werden, ist das sehr bescheiden und alles andere als wissenschaftlich und befriedigend für die Reisenden - keine Frage.
Aber wie Helmut schreibt, ist das Bateman auch passiert...
was natürlich sehr unschön ist, da die Untersuchungen von Bateman ja beinah heilig sind, da es keiner wirklich nachvollziehen kann. Alles eine Glaubensfrage!
Wenn dann aber das Ausgangsmaterial nicht richtig bestimmt ist, wird es schwierig mit dem Glauben.

Interessant fand ich aber trotz allem den Bericht über die Stressfaktoren einer Pflanze bei Verletzung.
Ich meine, das ist ein THEMA(!) bei den künstlich herbeigeführten Bestäubertests. Auch die Argumente und Untersuchungen hierzu fand ich weder zynisch noch böswillig - nur halt mal von der anderen Seite betrachtet und offenbar untersucht. Gepflückte, oder abgeschnittene Pflanzen sind für eine solch enge Beweisführung sicher nicht optimal und nun ist das Team um Prof. Paulus am Zug zu beweisen, dass die bisher durchgeführten Tests wirklich beweiskräftig sind. Das betrifft eine Menge Artikel!
Auch bei zukünftigen künstlich herbei geführten Bestäubertests seitens der Profis bleibt so ein "ekelhafter" Artikel doch in einer Hirnrindenfalte des einen oder anderen Lesers kleben und streut Zweifel...

Uwe Grabner




Antworten:

Falls sie diesen Beitrag über eine Suchmaschine gefunden haben,
gelangen sie hier zur Forum-Homepage