Re: Ophrys holoserica aus der Sicht des Bestäubers

Geschrieben von Frank Harmetzky am 03. Oktober 2014 13:01:58:

Als Antwort auf: Re: Ophrys holoserica aus der Sicht des Bestäubers geschrieben von Hannes Paulus am 03. Oktober 2014 07:30:27:

>Lieber Frank !
>Im Prinzip haben sie recht mit ein paar Einschränkungen. Die beiden Eucera-Arten kommen gerne im Bereich von Habtrockenrasen, aber auch Waldrändern mit freien Wiesenflächen soweit sie trocken sind, vor. Ihre Nektar- und Pollenpflanzen sind verschiedene Fabaceae, darunzter auch Vicia cracca und Verwandtschaft, besonders wenn sie in großen "patches" vorkommen. Aber es werden genauso gerne Lotus, Melilotus etc genommen. Die Weibchen brüten übrigens keineswegs wie sie annehmen nur auf offenen Flächen, sondern gerade mitten in den Wiesen. Die beiden bei uns vorkommenden Eucera nigrescens und longicornis sind hier nicht sehr wählerich. E. nigrescens beginnt mit den ersten Männchen jedoch fast 3-4 Wochen vor denen von E. longicornis zu fliegen. In Biotopen, wo beide Arten fliegen, kann man dies daran sehen, dass etwa Anfang/Mitte Mai die Männchen von nigrescens schon reichlich gealtert und ergraut, mit zerfransten Flügeln und wenigen Körperhaaren noch immer fliegen, während die von longicornis frisch aussehen, schön braun und dicht behaart sind. Meist lassen sich diese "älteren" Herren von nigrescens nur schwach anlocken, versuchen aber dennoch mal eine Pseudokopulation. Da die Anlockung offenbar nicht sehr optimal ist, lassen sie auch schnell in ihrem Interesse nach. E. longicornis wird optimal angelockt und kopuliert heftig und lernt auch nicht ganz so schnell, die falschen Weibchen zu vermeiden. Bei geringer Häufigkeit (was in Deutschland meist der Fall ist) haben die wenigen Männchen das Spiel schnell durchschaut und kümmern sich wie in ihrem Fall nicht mehr um die vielen Hummelragwurzen. Doch wenn ein Männchen nur eine einzige erfolgreiche Bestäubung gemacht hat, bedeutet dies für die Hummelragwurzpopulation einen zu erwartenden Zuwchs von mindestens 20000 Samen ! Das ist doch ziemlich viel.
>Grüße
>H.Paulus (Wien)
>>Das Jahr 2014 war in der Doislau in Niederösterreich ein gutes Jahr für die Hummel-Ragwurz.
>>Von Ende April bis Mitte Juni habe ich etwa hundert verschiedene O.holserica beobachten können. Die Hummel-Ragwurz kommt hier in zwei verschiendenen Brennen (Heißlände)auf 250 Meter Meereshöhe vor, die Standorte haben eine ausgprägte Halbtrockenrasen-flora .
>>Mich hat die Frage beschäftigt, ob eigentlich der natürliche Bestäuber von Ophrys holoserica, die Langhornbiene Eucera longicornis(manche Quellen geben auch an, dass die nah verwandte Langhornbiene Eucera nigrescens ebenfalls auf O.holoserica fliegt) überhaupt in der Doislau vorkommt und wo man ihn finden kann.
>>Das es O.holoserica als Täuscherblume es ohnehin schwer hat seinen Bestäuber zu finden, ist hier schon oft beschrieben worden. Tatsächlich haben es auch die beiden genannten Langhornbienen nicht leicht überhaupt an O.holoserica vorbeizukommen, denn bei beiden Arten sind die Weibchen oligolektisch.
>>Das heißt das sie die Pollen für die Brut nur an bestimmten Blüten gesammelt werden und das ist bei diesen Langhornbienenarten vor allen die Zaun-Wicke (Vicia sepium).
>>So findet man auch die Männchen dieser Langhornbienen auf der Suche nach Weibchen vor allen bei größeren Zaun-Wickenbeständen. Zaun-Wicken findet man in der Regel aber nicht in den typischen Biotopen der Hummel-Ragwurz. Sie mögen es halbschattig und kommen z.B. in ungepflegten Streuobstwiesen, oder auch in kleinen, lichten Waldbrachen vor. Trotzdem ist O.holoserica durch ihre Bestäuber an die Zaun-Wicke gebunden!
>>Leider sind auch E. longicornis und E. nigrescens wie die meisten oligolektischen Bienenarten nicht sehr häufig. Sie benötigt neben größeren Zaun-Wickenbeständen für die Brut vegetationfreie, Lehm-, oder ähnlichen Bodenarten.
>>Aus der Sicht des Bestäubers von O.holoserica sind also großflächige Mager- und Halbtrockenrasen, die von Tierherden wie Schafen beweidet werden nicht der optimale Lebensraum, sondern eher eine eine reich strukturierte Landschaft mit ungepflegten, kleineren Abschnitten, wie wir sie vor hundert Jahren in Mitteleuropa hatten.
Sehr geehrter Herr Paulus, vielen Dank für die Beschreibungen ihrer Beobachtungen. So exakt beschrieben, wie von Ihnen habe ich bisher noch nichts zu diesem Thema gefunden, somit habe ich hier wieder etwas lernen können!
Ich finde das wir als Freunde und Beschützer unserer heimischen Orchideen viel stärker über das reine Beobachten unserer Orchideen hinausschauen müssen, da unsere heimichen Orchideen fast durchgehen in einenm komplizierten Geflecht von Abhängigkeiten mit anderen Playern in unserer Natur verbunden sind. Neben bestäubenden Insekten denke ich vor allen an Pilze die ja durchgehend für die Entwicklung unserer Orchideen überlebenswichtig sind. Gibt es eigentlich heute irgendwo eine zugängliche Veröfftlichung wo die Wirtspilze unserer Orchideenarten beschrieben werden?



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