nochmals zu Orchis-Anacamptis vom Dezember

Geschrieben von Karl Heyde am 02. Mai 2003 16:44:00:

Liebe Orchideenfreunde,

Da ich nur selten Zeit finde, im heimischen Orchideenforum zu lesen, bin ich erst jetzt auf die interessante Diskussion vom Dezember letzten Jahres über die Berücksichtigung genetischer Untersuchungen bei der Systematik europäischer Orchideen gestoßen.
Die Diskussion drehte sich im engeren Sinne um die Frage Orchis oder Anacamptis oder im weiteren wie berechtigt sind die Umbenennungen von Orchideengattungen auf Grundlage genetischer Untersuchungen von Bateman, Bridgeon, Chase et al..
Bei der Diskussion blieb ein ganz wesentlicher Fakt unberücksichtigt, weshalb ich diese noch einmal aus dem Archiv herauswühlen möchte. Bateman et al haben bei Ihrer Untersuchung der DNA mittels ITS-Sequenzierung nur ein winzigen Bruchteil der DNA – die ITS-Region untersucht. Die ITS-Region ist eine so genannte konservative Region der DNA, sie unterliegt nach derzeitigem Kenntnisstand keinem Selektionsdruck, d.h. genetische Veränderungen erfolgen zufällig aber über einen sehr langen Zeitraum betrachtet mit relativer Konstanz. Diese Veränderungen liefern deshalb indirekt Erkenntnisse über relative Zeitabstände in der Evolution. In Auswertung kann also gesagt werden (wie Herr Kretzschmar bereits ausführt), dass die Aufspaltung zwischen Orchis, Anacamptis und Neotinea eine der zeitigsten in der europäischen Orchideendifferenzierung war.
Der grösste, nicht untersuchte Teil der DNA kodiert spezifische Merkmale der Pflanze, die einem Selektionsdruck unterliegen. Veränderungen in diesen DNA-Bereichen passieren in sehr unterschiedlichen Zeitabständen in sehr unterschiedlicher Intensität und sind somit auch maßgeblich mit für die Morphe (einschl. der äußeren Erscheinungsform) der Pflanzen zuständig. Aus diesem Grund halte ich die Schlussfolgerung von Bateman et al. auf Grund der sehr ähnlichen ITS-Sequenzen zwischen Gymnadenia und Nigritella zu schlussfolgern, dass diese einer Gattung angehören müssen, für falsch. Das Ergebnis erlaubt lediglich die Erkenntnis, dass die Differenzierung dieser beiden Gattungen erst in relativ junger Zeit erfolgte. Wie Wucherpfennig mehr als deutlich darstellte ist die morphologische Differenzierung zwischen Nigritella und Gymnadenia unübersehbar. Und da auch die Morphe genetisch bedingt ist, ist dieser Unterschied mit anderen Methoden in anderen Regionen der DNA sicher auch nachweisbar.
Fazit: Wichtig ist, dass alle Disziplinen in der Biologie, wie z.B. Morphologie, Biochemie, Bestäuberökologie und Genetik gleichberechtigt und kritisch in der Systematik berücksichtigt werden.
Die Entwicklung von Anacamptis und Orchis ist paraphyletisch, d.h. auf unterschiedlichen Wegen haben sich zwei Pflanzengruppen entwickkelt, die sich morphologisch sehr ähnlich sehen. Aber auch bei menschlichen Doppelgängern verlangt niemand, dass diese zur selben Familie gehören müssen. Und auch wenn es zwischen Anacamptis und Orchis sehr viele Ähnlichkeiten gibt, so gibt es auch eine Reihe von Unterschieden, wie z.B. unterschiedliche Chromosomenanzahl, Biochemische Merkmale und Hybridisierungsverhalten, die die Aufspaltung und Umgliederung der „alten“ Gattung Orchis mehr als nahe legen. Bei allen anderen Umbennenungen von Bateman et al würde ich vorsichtig sein

Karl Heyde


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