Re: Artbegriff / Systematik

Geschrieben von Karl Heyde am 07. Juli 2004 16:27:18:

Liebe Orchideenfreunde,

auch ich möchte, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung, als Biologe, weniger als Systematiker noch ein paar Argumente zur zurückliegenden Diskussion beitragen und dabei gleich auf verschiedene Ausschnitte von Beiträgen reagieren, bzw. die Diskussion noch um den Aspekt des Systems der Orchideen in Deutschland erweitern.

Herr Gügel schrieb am 2.Juli 2004

>>Die Fortpflanzungsfähigkeit weiterer Hybridgenerationen ist aber meines Wissens bei Ophrys nicht nachgewiesen.<<

Lieber Herr Gügel, in einem bekannten Orchideengebiet im Burgenlandkreis (Sachsen-Anhalt) wurden mal Hybriden zwischen den drei bei uns vorkommenden Ophrys-Arten sphegodes, insectifera und apifera künstlich erzeugt. Der von dort beschriebene Tribel-Bastard hat die Zeit nicht überdauert. Anders dagegen die Hybriden zwischen sphegodes und insectifera. Diese haben in dem Gebiet, nach dem die schwache Artbarriere mit den künstlich erzeugten Hybriden durchbrochen war ständig zugenommen und die „reine“ sphegodes fast vollständig verdrängt. Eine ständige Zunahme bei immer größerer Formenvielfalt in der Kombination der Merkmale beider Elternarten bei gleichzeitiger Rückdrängung der einen Elternart lässt sich für mich nur mit fertilen Hybriden erklären, der Ausbildung eines eigenständigen Hybridschwarmes.

Herr Dr. Kretzschmar schrieb am 3.Juli 2004

>>Alles andere als ein Morphospezies-Konzept ist für uns Menschen prinzipiell nicht nachvollziehbar, weil wir für uns erkennbare und nachvollziehbare Unterschiede brauchen, um Unterscheidungen treffen zu können.<<

Lieber Herr Dr. Kretzschmar, sind Wissenschaftler keine Menschen ?! Ich kenne zwar nicht den ICBN-Code, weil mich vorrangig ökologische Fragen interessierten, aber als studierter Biologe weiß ich, dass „Merkmale“ weit mehr umfasst als nur die Morphologie, hierzu zählen unter anderem auch standörtliche, phänologische, biochemische, genetische … Merkmale. Und nicht alle lassen sich auf den ersten Blick erfassen. Selbst ein „Feldbotaniker“ hat wieder einen anderen Betrachtungswinkel als ein botanischer Laie. Sollte also der mit dem niedrigsten Erkenntnisstand sagen, was die gültigen Arten sind? oder nicht doch der wissenschaftliche Erkenntnisstand der sich in einer internationalen und interdisziplinären Diskussion herausarbeitet.
Für mich ist jedenfalls alles, was logisch plausibel das bestehende Wissensgebäude ergänzt nachvollziehbar. Das ich in einer Feldkartierung dann aber öfter auf Aggregate zurückgreife, weil ich die vielen Kleinarten mit den mir im Gelände zur Verfügung stehenden Mitteln nicht unterscheiden kann, ist für mich auch selbstverständlich.

>>Jegliche Systematik hat ja nicht den Anspruch, die Biologie der uns umgebenden Natur zu erklären, sondern hat den Anspruch, für uns erkennbare Unterschiede zu systematisieren.<<

Genau darin liegt für mich ein grundlegender Denkfehler. Die Systematik sollte die uns umgebende Natur so genau widerspiegeln, wie es in unserem Schubladendenken überhaupt möglich ist. Und eigentlich schreiben Sie dann selber im Widerspruch von „für uns erkennbare Unterschiede“ – ich ergänze: egal mit welchem Hilfsmittel (Gaschromatograph, genetische Analyser, Elektronenmikroskop, etc.) diese Unterschiede erkennbar wurden.

Abschließend noch Bemerkungen zur Einbeziehung verschiedener Methoden (genetischer und morphologischer) mit scheinbar widersprechenden Ergebnissen in das System der Orchideen. Auf Ihrer homepage stellen Sie, lieber Herr Dr. Kretzschmar, eine systematische Übersicht der Arten Deutschlands vor, wie Sie diese wahrscheinlich auch in Ihrem mit Herrn Blatt geplanten Buch der „Orchideen Deutschlands“ veröffentlichen wollen. Als mit molekulargenetischen Methoden arbeitender Ökologe möchte ich mir noch ein paar kritische Anmerkungen erlauben.

Die ITS-Sequenzierung, auf deren Ergebnisse von Bateman et al. Sie sich vor allem berufen, bezieht sich nur auf einen winzigen Bruchteil der gesamten DNA. Diese so genanten Inter Transcript Spacer (zu deutsch: zwischen den codierenden Regionen liegend) unterliegen nicht der Selektion. Mutationen finden in zufälligen, auf lange Zeit betrachtet aber relativ gleichmäßigen Abständen statt. Auf die methodischen Diskrepanzen durch Vereinfachungen möchte ich hier nicht näher eingehen, aber im Prinzip sind sie ein idealer Zeitmesser der Evolution, um herauszufinden in welchen relativen zeitlichen Abständen systematische Trennungen stattgefunden haben.

Die Aufteilung zwischen den (neuen) Gattungen Orchis und Anacamptis sensu Bateman et al. scheint deshalb eine der ursprünglichsten zu sein und sollte sich mit der Zeit durchsetzen.

Ganz anders sehe ich die Situation zwischen Gymnadenia und Nigritella. Hier sagt uns die ITS-Sequenzierung nur, dass die Trennung zwischen den beiden Gattungen so jung ist, dass sie mit dieser Methode praktisch nicht nachweisbar ist. Aber !! sie sagt uns nur etwas über die zeitlichen Verhältnisse und nichts über die Qualität dieser Trennung. Diese evolutionsgeschichtlich relativ sehr junge Aufspaltung wird zuerst in selektiven Merkmalen festgelegt, die sich offensichtlichst in sogenannten quantitativen genetischen Merkmalen, wie z. B. morphologischen, phänologischen oder standörtlichen Merkmalen niederschlagen. Insofern empfehle ich hier dringend der Argumentation von Herrn Dr. Wucherpfennig zu folgen, der reichlich morphologisch begründete Argumente liefert, diese beiden Gattungen zu trennen.

Unsicher bin ich in der Abwägung zwischen Coeloglossum und Dactylorhiza, ob sich hier nicht auch solche schwerwiegenden Merkmalsunterschiede finden lassen, da ich mich mit der Frage noch nicht ernsthafter auseinander gesetzt habe.

Herzliche Grüße
Karl Heyde


Antworten:

Falls sie diesen Beitrag über eine Suchmaschine gefunden haben,
gelangen sie hier zur Forum-Homepage