Artbegriff/Artabgrenzung

Geschrieben von Ernst Gügel am 07. Juli 2004 14:22:11:

Lieber Herr Kretzschmar,

nachdem mich die Telekom nach über einer Woche wieder ins Netz läßt, habe ich die Antwort als neues Thema eingefügt, weil mittlerweile soviele neue eröffnet wurden. So ganz ohne Widerspruch kann ich Ihre Mail doch nicht lasssen.

>>Alles andere als ein Morphospezies-Konzept ist für uns Menschen prinzipiell
>>nicht nachvollziehbar, weil wir für uns erkennbare und nachvollziehbare
>>Unterschiede brauchen, um Unterscheidungen treffen zu können.
>>Unterscheidungsmerkmale z.B. durch Pheromone sind für uns nicht wahrnehmbar
>>und deshalb nicht tauglich.

Wenn Sie von "für uns Menchen prinzipiell nicht nachvollziehbar" und "sind für uns nicht wahrnehmbar und deshalb nicht tauglich" schreiben, meinen Sie doch wohl ohne Instrumente/Geräte. Das heißt, Sie klammern moderne Wissenschaft aus; Chromosomen, DNA, Pheromone sind nur instrumentell unterscheidbar. Ist das nicht ein Widerspruch zu Ihren geplanten Büchern über Orchis und zum Deutschlandbuch, wo Sie stark auf die DNA-Untersuchungen von Bateman setzen?
Wo beginnt denn die für Sie akzeptable Wahrnehmung? Sind Behaarungen, Stiftchensaum u.a., die nur mit einer 15-fach Lupe erkennbar sind, kein Unterschied, weil vom Menschen natürlich nicht wahrnehmbar? Nach solchen Kriterien müßten auch viele Insektenarten gestrichen werden.

>>Jegliche Systematik hat ja nicht den Anspruch, die Biologie der uns
>>umgebenden Natur zu erklären, sondern hat den Anspruch, für uns erkennbare
>>Unterschiede zu systematisieren.

Für mich hat Systematik sehr wohl den Anspruch, die Biologie der uns umgebenden Natur zu erklären. Sie wissen, ich wehre mich schon länger dagegen, getrennte Sytematiken für Hobbybotaniker und Fachleute zu erzeugen, auch wenn ich Aussagen der Fachleute nicht verstehe.


>>Der ICBN definiert dies klar:

>>Präambel, Absatz1:
>>......Dieser Code soll feste Richtlinien geben für die Benennung >>taxonomischer Gruppen und für die Vermeidung und Verwerfung von Namen, die zu
>>Irrtum oder Zweifel Anlaß geben oder die Wissenschaft in Verwirrung stürzen. >>Wichtig ist ferner das Vermeiden der unnützen Aufstellung von Namen.....


>>Empfehlung 32B
>>32B.1. Die Beschreibung oder Diagnose eines neuen Taxons sollte die Merkmale
>>erwähnen, in denen sich das Taxon von verwandten Taxa unterscheidet.


Ich weiß nicht, wo Sie Ihre Thesen aus den von Ihnen zitierten Auschnitten des ICBN-Codes herauslesen. Dort steht doch nirgends, welche Merkmale -z.B. warum können es keine Duftstoffe sein- und mit welchen Methoden diese erkennbar sein müssen. Und ich ich glaube auch nicht, daß selbst Paulus schwierige Fuscen "die Wissenschaft in Verwirrung stürzen". Es dauert nur etwas länger bis man geeignete Methoden der Unterscheidung gefunden hat.


>>Man nehme nur die Flut der "neuen Fuscas". Ich behaupte schlankweg, wenn man
>>die Neubeschreiber zu einer Tagung einladen würde und Ihnen Pflanzen oder
>>Bilder ohne Nennung der Herkunft zeigen würde, würden keine 50% der
gezeigten
>>Pflanzen "richtig" benamt. Würde man beim Herkunftmaterial nun auch noch die
>>in jeder größeren Population auftretenden, etwas abweichenden Varianten
>>nehmen und so einem Gremium vorlegen..... ich mag gar nicht drüber
>>nachdenken.


Natürlich wäre das bei Fuscen schwierig. Sicher sind auch einige zuviel/doppelt beschrieben (siehe meine Bemerkungen zu neue Arten durch "Morphologen" und "Biologen".)Ich habe zwar keine beschrieben, aber eine höhere Quote als 50% bei denen, die ich selbst gesehen habe, traue ich mir schon zu.


>>Ein Großteil dieser Flut neuer Namen steht deshalb jedenfalls klar im
>>Widerspruch zu den zitierten Definitionen des ICBN und gehört deshalb
>>beseitigt.


Leider muß ich das bezweifeln. Sie haben recht, daß die Morphologie vieler dieser Arten so schlecht beschrieben ist, daß man sie von anderen nicht unterscheiden kann. (Kann man das überhaupt nur aufgrund der Morphologie so beschreiben?) Der Code verlangt ja noch nicht einmal eine Differentialanalyse, der emphielt sie nur.

>>Daß dies zusätzlich rein praktisch sich oft kontraproduktiv auswirkt (wenn
>>z.B. in botanischen Datenerfassungen nur noch Dactylorhiza spec. registriert
>>wird, weil sich kein Botaniker mehr getraut, einen Namen zuzuordnen), daß die >>sogenannten Orchideologen wegen dieses Unfugs bei vielen gestandenen
>>Botanikern bestenfalls ein müdes Lächeln ernten, sind traurige Auswirkungen.


Wo steht, daß alle Arten im Feld ohne Hilfsmittel erkennbar sein müssen? Ich könnte damit leben, daß man im Feld sagt: das sind Fuscen aus der Verwandschaft z.B. Ophrys iricolor. Genaueres kann man erst nach einer Detailuntersuchung zu Hause oder im Labor feststellen. Wenn ich recht informiert bin, ist das bei Bienen doch auch so und die statistischen Verfahren z.B. von Gölz und Reinhardt lieferten ihre Aussagen doch auch erst nach der Auswertung. Probleme mit dieser Vorgehensweise hätten doch nur die "Bilderbuchhersteller", die zwar von jeder Art Bilder veröffentlichen könnten, die aber kein Leser mehr unterscheiden kann. (Ist das nicht schon teilweise so?)

Was ist daran kontraproduktiv, wenn ich bei den stark hybridisierenden Dactylorhizen bei einer Population Dact. spec. sage? Ist doch besser als bei jeder Variante eine neue Art zu beschreiben.
Ich weiß nicht, ob Sie in Nordgriechenland die Populationen am Fourkapaß kennen. Ich habe von dort eine Reihe von Fundortbeschreibungen renomierter Orchidioten, in denen keine 30% der Stückzahlen mit Artnamen benannt sind (Dact. baumanniana, Dact. pindica, Dact. smolikana, Dact. saccifera), der Rest aber als Hybriden bezeichnet wird. Da klemmt es doch mit der morphologisch klar festgelegten Art gewaltig. Es sind die Arten viel zu eng beschrieben -der ICBN-Code verlangt meines Wissens nur die Beschreibung des Typusexemplars, nicht die der Varationsbreite- z.B. Dact. smolikana ohne Blattfleckung. Gibt es bei Dactylorhizen überhaupt "reine Arten"? Wie grenzt man etwas ab, das man nur statistisch fassen kann? Was ist mit Veränderungen bei Arten, die im Laufe weniger Generationen stattfinden -bei Epipactis helleborine in USA gut verfolgbar- , die Beschreibungen bleiben aber Jahrhunderte unverändert. Meiner Meinung nach versagt hier das gesamte nomenklatorische System. Wenn schon Kritik, dann bitte auch an solchen Dingen.

Schöne Grüße

Ernst Gügel



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